Das abgezogene Kopfkissen

Merkwürdige Überschrift denkt Ihr Euch? Ja, vielleicht. Aber ich will Euch eine kleine, sehr typische Situation aus meinem Alltag schildern – schließlich werde ich immer wieder gefragt, wie es denn so ist mit drei kleinen Kindern und Hund.

Also, da lag es im Schlafzimmer, das Kopfkissen ohne Bezug. Mit einer Geste deutete mein Mann abends vorm Schlafengehen darauf: Was hatte es damit auf sich? Der Plan: Endlich mal wieder unsere Betten neu beziehen. Das Ergebnis: Weit gekommen bin ich nicht. Genau ein Kopfkissen habe ich abgezogen, ehe eines der Kinder wieder meine Aufmerksamkeit brauchte. Später geriet das Bettenbeziehen dann durch 1000 andere Dinge, die deutlich dringender zu erledigen waren, einfach in Vergessenheit.

Diese Begebenheit ist gerade so typisch für mein Leben. Ich fange immer wieder etwas an, bringe es aber in den seltensten Fällen wirklich zuende.

An guten Tagen habe ich Engelsgeduld für meine Große, die sich gerade dann, wenn wir eh schon spät dran sind, im Zeitlupentempo anzieht. Und kiloweise Humor, weil hinterher die Unterhose nicht UNTER sondern ÜBER der Jeans sitzt und ihre Haare zu Berge stehen, als hätte sie in die Steckdose gepackt.

An solchen Tagen habe ich Nerven aus Stahl, wickle, füttere und ziehe nebenbei zwei Babys an ohne das Lächeln auf den Lippen zu verlieren, nehme wohlwollend in Kauf, dass mein Frühstück heute wohl eher ein Mittagessen wird und arbeite konzentriert eine Aufgabe nach der anderen ab.

Ich habe Oktopus-Arme an diesen Tagen, schaffe es während des Breifütterns beiden Babys rechtzeitig die kleinen Patschehände festzuhalten, damit sie sich Möhre, Kürbis und Heidelbeere nicht im gesamten Gesicht und auf ihrer Kleidung verschmieren, kann nebenbei der Großen noch Obst schälen und dem Hund frisches Wasser geben.

Ich bin entspannt und locker, auch wenn die Spielverabredung meiner Großen spontan beschließt, doch bei uns und nicht bei den Nachbarn zu spielen. Wo doch bei uns die Wollmäuse über das Parkett jagen und nachmittags manchmal noch das Frühstücksgeschirr auf dem Tisch steht.

Und vor allem habe ich Augen für die vielen kleinen Fortschritte, die die Zwillinge jeden Tag machen, habe Muße diese besondere, schöne Beziehung aller drei Geschwister zu sehen und zu würdigen und bin mir mit jeder Faser meines Körpers bewusst, was für ein Glück ich habe.

Dann gibt es aber natürlich auch die schlechten Tage, an denen ich einfach auch nur ein Mensch bin. An denen das “Mutti”-Tasking nervt, weil ich zwar den ganzen Tag keine ruhige Minute hatte und nur gerödelt habe, ich aber trotzdem abends das Gefühl habe, rein gar nichts geschafft zu haben.

Morgens weiß ich dann oft schon, dass ich den Wettlauf gegen die Zeit eigentlich nur verlieren kann. Trotzdem laufe ich los und renne, renne, renne…

Es sind Tage, an denen ich Freunde beneide, die “einfach mal spontan” ins Kino oder den Biergarten gehen – sowas bedarf bei mir einer längeren und ausgefeilten Planung.

Tage, an denen ich gerne nach drei Stunden Dauergeplärre Knebel verteilen würde….oder mir wenigstens Ohropax in die Ohren stecken will.

Wer Kinder hat, der kennt das wahrscheinlich allzu gut. Diesen ewigen Widerspruch zwischen dem Gefühl, endlich wieder einen Tag geschafft zu haben und der Angst, dass alles viel zu schnell geht. Die Kleinen viel zu schnell groß sind.

Ich habe für mich selbst festgestellt, dass ich zwar vieles nicht beeinflussen kann. Aber meine innere Einstellung doch das meiste erträglicher macht. Stehe ich mit zwei plärrenden Babys an der Supermarktkasse und sehe die kopfschüttelnden Leute, dann lächle ich bewusst. Stelle ich fest, dass wir es wohl leider dann doch mal wieder nicht pünktlich zum Morgenkreis im Kindergarten schaffen, dann atme ich tief durch und sage eher zu mir als zu meiner Tochter: Na davon wird die Welt auch nicht untergehen. Probiert es selbst mal aus. Ich lebe damit deutlich besser.

Ach ja: Das Kopfkissen habe ich dann abends einfach wieder in seinen alten Bezug gepackt… Wie gesagt: Davon wird die Welt nicht untergehen. Und: Morgen ist schließlich auch noch ein Tag!

2 Thoughts on “Das abgezogene Kopfkissen

  1. Angie on 19.04.2015 at 14:28 said:

    Hallo Birthe,
    das ist so schön geschrieben

  2. Klaudia on 20.04.2015 at 22:42 said:

    Wie wahr wie wahr…ich gelobe auch jeden Tag Besserung, aber wir sind auch nur Mammis….aber würde meine Kleinen nie mehr missen oder eintauschen wollen gegen ein ruhigeres Leben! Müssen uns einfach mal ne Auszeit gönnen, lange können wir ja eh nicht ohne die Kleinen..;)

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