Inmitten der Meute

Selten hat uns alle eine Nachricht so gepackt wie der Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525. Weil die Katastrophe gleichzeitig so greifbar und unbegreifbar ist. Weil sie jeden von uns hätte treffen können – ja, weil fast jeder aus NRW zumindest jemanden kennt, der eines der Opfer gekannt hat. Und weil wir uns fragen: Wie konnte so etwas passieren? Warum reißt ein Mensch so viele andere unschuldige Menschen mit sich in den Tod?

Wobei ich als Journalistin natürlich weiß, dass ich letzteres vorsichtiger formulieren müsste. Denn es gilt die Unschuldsvermutung: Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist. – so heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Und so habe ich es in meiner Journalistenausbildung gelernt.

Dass gerade die Zeitung, bei der ich gelernt habe sehr früh - zumindest online - den vollen Namen des Co-Piloten genannt hat, ist mir direkt bitter aufgestoßen. Dass sie damit in “guter Gesellschaft” vieler anderer seriöser Publikationen war, hat die Sache kein bisschen besser gemacht. Inzwischen scheinen die Sachverhalte recht klar zu sein. Und in diesem Fall erlaubt auch der Pressekodex eine so genannte identifizierende Berichterstattung. So heißt es unter Ziffer 8, Schutz der Persönlichkeit:

Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.

Als Kriterium, wann das öffentliche Interesse gegenüber dem Schutz der Persönlichkeit überwiegt, nennt der Pressekodex zunächst eine “außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat”. Dass dies der Fall ist, muss ich wohl nicht näher erläutern. Jedoch: ob eine Straftat vorliegt, ist immer noch nicht abschließend geklärt – wird wohl auch nie gänzlich geklärt werden können. Und war vor allem war dies ganz am Anfang der Berichterstattung über die Katastrophe mehr Vermutung als Tatsache.

Dass die “schwere Tat in aller Öffentlichkeit geschehen ist” ist ein weiteres Kriterium. Auch dieses trifft natürlich zu – geht man tatsächlich von einer Straftat aus.

Ich persönlich hätte mir etwas mehr Zurückhaltung der Medien gewünscht. Das Unfassbare fassbar machen. Das war das Anliegen vieler Journalisten. Doch dabei haben sich so viele von ihnen vergaloppiert. Bei der Suche nach Antworten, dem Versuch zu verstehen, haben sie Details ans Licht gezerrt, die nichts zur Klärung der Sache beitragen. Das kann allenfalls als Gaffen bezeichnet werden – eher aber noch als das perverse Ergebnis des ewigen Wettstreits unter Journalisten, etwas mehr herauszufinden als die anderen.

Auch ich war schon Teil der Meute, habe Witwen geschüttelt, kleinste Bröckchen aufgesammelt, fragwürdige Augenzeugen zitiert und die ganz große Story daraus gemacht. Und was soll ich sagen: Ich war stolz darauf, dass ich am nächsten Morgen mehr zu berichten hatte als der ein oder andere Konkurrent. Auch, weil meine Zeitung das regelrecht von mir eingefordert hat. Beifall geklatscht hat für auch nur den kleinsten Informationsfetzen, den wir mehr hatten als die anderen. Heute schäme ich mich dafür. Und bin froh, dass ich von keiner Redaktion, von keinem Verlag mehr in dieses Rennen geschickt wurde.

Zum Abschluss noch zwei Zitate aus dem Pressekodex:

Bei Familienangehörigen und sonstigen durch die Veröffentlichung mittelbar Betroffenen, die mit dem eigentlichen Gegenstand der Berichterstattung nichts zu tun haben, sind Namensnennung und Fotoveröffentlichung in der Regel unzulässig.

Auch hier haben sich viele Medien leider nicht mit Ruhm bekleckert. Sie haben über die Freundin des Co-Piloten berichtet, was über Mutmaßungen und Spekulationen selten hinaus ging. Wer aber ein wenig kombinieren konnte, der weiß nun mit Sicherheit zumindest im näheren und weiteren Umfeld der Frau, um wen es geht. Wird sie je wieder ein normales Leben führen können? Und von den Eltern des Co-Piloten brauchen wir da gar nicht erst zu reden.

Der private Wohnsitz sowie andere private Aufenthaltsorte, wie z. B. Krankenhäuser, Pflege- oder Rehabilitationseinrichtungen, genießen besonderen Schutz.

Geärgert habe ich mich auch darüber, dass es Fotos von der Wohnung des Beschuldigten gab. Dass der Club, in dem er fliegen gelernt hat in die Öffentlichkeit gezerrt wurde. Sein Elternhaus gezeigt wurde. Und das durchaus nicht nur von der Zeitung mit den vier großen Buchstaben…

One Thought on “Inmitten der Meute

  1. Norbert Bangert on 11.04.2015 at 08:22 said:

    Es ist für mich hoffnungsvoll zu lesen, dass bei einigen Journalisten der moralische Kompass offenbar doch noch in Ordnung ist. Dein Beitrag hier ist ein Zeugnis davon. Allerdings hast Du die größte Verfehlung der Zeitung, die wie bei Dir mein früherer Auftraggeber war, noch gar nicht genannt. Es hat eine Riesen-Empörungswelle in den Sozialen Netzwerken gegeben, als man die Gestalt einer trauernden Person am Flughafen Düsseldorf aus nächster Nähe abbildete. Zwar war das Gesicht verpixelt, aber das spielte keine Rolle. Das Bild wurde dann als Eyecatcher für eine Bildstrecke im Internet verwendet! Erst, nachdem mehrere Leute – wie ich auch – direkt bei der Online-Redaktion und über die “normalen” Redaktionen interveniert haben, wurde reagiert. Zwar gab es seitens der Redaktion eine Entschuldigung, doch der eigentlich schlimme Vorgang passierte davor: Die Antworten einer Mitarbeiterin, die sich in die Diskussion auf den Sozialen Netzwerken einschaltete, ließen erkennen, dass nicht das geringste Einsehen vorhanden war, dass man einen Fehler gemacht hatte.

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