Der Tag, an dem Chokry Belaid starb…

… wäre für mich eigentlich kein Besonderer gewesen. Ich wäre in der Redaktion gewesen, hätte mich vielleicht mit den Kollegen darüber unterhalten, was für Folgen das für Tunesien hat, aber wirklich berührt hätte es mich wohl nicht. Abends hätte ich in der Tagesschau die Bilder der Tumulte gesehen. Mehr als ein Vorbeirauschenen wäre es aber sicher nicht gewesen.

Der Tag, an dem der Oppositionspolitiker Chokry Belaid starb, ging in Wirklichkeit aber nicht einfach an mir vorbei. Denn ich war da. In Tunesien. Nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem er mit zwei Schüssen getötet wurde. Wir sind auf dem Weg zu einer tollen Pressereise: Die Oasenstadt Douz, das Tor zur Wüste. Sehen sollten wir sie allerdings nur in Prospekten. Und das kam so:

Als wir in Tunis landen, bekommt eine junge Frau mit, dass wir Journalisten sind. “Oh, da seid Ihr ja genau zur richtigen Zeit hier. Heute ist in Tunesien einiges los. Ein Politiker ist ermordet worden.” Drei Stunden später hängen wir immer noch am Flughafen von Tunis fest. Offiziell wegen einer Schlechtwetterfront. Als wir am späten Abend dann doch noch auf der vorgelagerten Insel Djerba landen, wischen wir die Strapazen der Reise damit weg, dass wir morgen einen ganz tollen Ausflug vor uns haben. Dromedar reiten, Buggy fahren, aus einem Ultraleichtflugzeug die Oase aus der Luft anschauen.

Die Seifenblase platzt in der Eingangshalle des Hotels. Das ganze Programm ist abgeblasen, statt ins Landesinnere zu fahren, bleiben wir auf Djerba. Sicherheitsbedenken seitens des Veranstalters. An diesem Abend bleibe ich noch lange wach, schaue Nachrichten, surfe im Internet. Die Bilder sind beunruhigend. Und laufen auch über deutsche Bildschirme.

Die nächsten Tage befinden wir uns in einer nahezu absurden Situation. Während die Tunesier für ihre Freiheit auf die Straße gehen, spulen wir ein kleines touristisches Alternativprogramm ab.

Donnerstagabend ist dann klar: Es wird einen Generalstreik geben. Freitag geht in Tunesien nichts mehr. Außer auf Djerba, der Insel der Glückseligkeit. Wir sprechen mit Einheimischen, fragen sie, was die aktuelle Situation für sie bedeutet. Die Djerbi leben schließlich vom Tourismus. Die Antwort ist überall gleich: “Djerba ist sicher. Und Djerba hat das ganze Jahr über Sonne. Die Touristen werden weiterhin kommen.”

Freitagabend steht für uns jedoch fest: Das Abenteuer Tunesien ist erstmal vorbei. Noch am nächsten Tag sollen wir mit dem Direktflug in unsere jeweiligen Heimatstädte geflogen werden. Alles geht gut. Sicher landen wir in Deutschland. Es bleibt die bittere Erkenntnis, nicht viel mehr aus diesem Land mitgenommen zu haben als zwei neue Stempel im Pass und eine gewisse Ratlosigkeit. Eigentlich wollten uns die Veranstalter doch zeigen, dass Tunesien nach dem Arabischen Frühling für Touristen wieder sicher ist. Nun sieht es so aus als erlebe das Land seinen zweiten Frühling…

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