Kreuze, Plattenbauten und Idylle

Jonathan Bousfield ist mir in den vergangenen Tagen ein guter Freund geworden. Denn Jonathan kennt sich aus wie ein Einheimischer und weiß gleichzeitig wie wir Touristen ticken. Jonathan ist der Autor des „Rough Guides“ über die baltischen Staaten. Und er macht seine Sache wirklich gut. Nur, dass er mich auf unserer Tour irgendwann abgehängt hat. So steckte ich noch mitten im Lettland-Teil fest als wir längst die litauische Grenze passiert hatten.

Unseren Übernachtungsstopp haben wir uns trotzdem ganz genau richtig ausgesucht. Als ich nämlich während der Fahrt unter Ŝiauliai, dem avisierten Ziel, nachschlug, entdeckte ich gerade noch rechtzeitig, dass es dort eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Litauens überhaupt gibt: Den Hügel der Kreuze. Es ist seit den 1950er Jahren einer der zentralen Wallfahrtsorte für Katholiken – und von ihnen gibt es allein in Litauen ja genug. Wir haben gar nicht erst versucht, die Kreuze zu zählen, die dort von Gläubigen aufgestellt wurden. Die meisten sind aus Holz mit den Namen der Pilger und dem Datum des Besuches, doch uns sind auch einige exotischere Versionen ins Auge gefallen: Da hatte jemand aus schwarzem und weißen Garn eines gehäkelt, ein Automobilclub schweißte Stahlrohre aneinander, ein anderer bastelte sein Kreuz aus Federn. Eine ganz besondere Atmosphäre herrschte auf dem Hügel. Die Metallkreuze der vielen, vielen aufgehängten Rosenkränze klirrten im Wind aneinander, Menschen mit Wanderrucksäcken suchten einen Platz für ihr Kreuz, andere lasen einfach Inschrift nach Inschrift.

 

Weiter ging es durch Ŝiauliai, den viertgrößten Ort Litauens. Hier bot sich ein ganz ähnliches Bild wie schon in den anderen baltischen Großstädten: Plattenbau an Plattenbau. Dazwischen heruntergekommen wirkende Häuser mit aufgeplatzten Fassaden. Etwas abseits der Stadt lag der von uns angesteuerte Campingplatz. Allerdings haben wir da bereits auf der Zufahrt Kehrt gemacht. Darüber, dass Plätze für Wohnwagen im Baltikum rar sind schrieb ich ja bereits. Also ist Weiterfahren eigentlich ein Luxus, den wir uns dort nicht erlauben können.

Doch in diesem Fall hatten wir Glück. Einige Kilometer westlich von Ŝiauliai fanden wir die perfekte Idylle. Inmitten eines Nationalparks – davon gibt es in den baltischen Staaten insgesamt zwölf – lag der gemütliche kleine Platz auf dem Gelände eines alten Gutshofes. Links von uns der Friedhof, rechts die Kirche, drumherum Wiesen, Felder und ein kleiner Teich. Auf der Straße vor uns herrschte reger Verkehr: eine alte Frau führte ihre Kuh am Strick nach Hause, ein Bauer kam mit seinem Traktor vom Feld (vielleicht aber auch direkt aus einem Transportmuseum), eine Schar Kinder, ein Hund, eine Katze…

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